Donnerstag, 27. Januar 2022

Elsa Hammer: Verfolgung und Ermordung

Dokumentation über die Verfolgung und Ermordung von Elsa Hammer aus Fischbach.
Histiorische Aufnahme von Elsa Hammer mit Tennisschläger
Elsa Hammer (Foto: Margot Boon)

Elsa Fellheimer wurde am 1. Dezember 1884 in Göppingen geboren. Von Jugend an kleidete sie sich modern und zog als Erwachsene bereits Hosen an, was damals für eine „Dame“ als nicht sehr schicklich galt. Auch rauchte sie gelegentlich, was bei Frauen überhaupt nicht gerne gesehen wurde. Eine ihrer Leidenschaften war das Tennisspiel, das sie schon früh erlernte. Elsa Fellheimer lernte Karl Hammer in Göppingen kennen, wo beide im Jahr 1912 heirateten. Wohl erst nach derm Ersten Weltkrieg übersiedelten beide nach Schnetzenhausen-Fischbach, da Karl Hammer bei den Dornier Metallwerken eine Stelle als Betriebsleiter angeboten bekam.

Durch die Kommunalreform im Jahr 1937 gelangte die Gemeinde Schnetzenhausen mit ihren Teilorten nach Friedrichshafen, und damit wurde Elsa Hammer, deren Eltern und Großeltern jüdischer Herkunft waren, Häfler Neubürgerin. Karl Hammer konnte, solange er lebte, antisemitische Anfeindungen gegenüber seiner Frau abwehren, was nicht zuletzt an seiner leitenden Funktion bei einem der wichtigsten Rüstungsproduzenten der Region lag.  Da die Deutschen jüdischer Herkunft ab 1933 verfolgt und ermordet wurden, befand sich das Leben der Familie Hammer ständig und zunehmend in Gefahr. Da spielte es auch keine Rolle, dass Elsa und Karl Hammer eine Adoptivtochter aus einem verarmten Familienhaus bei sich aufgenommen hatten.

Denn immer heftiger hatte sich der in derselben Abteilung wie Karl Hammer arbeitende Maschinenbau-Ingenieur Hubert Jeuck aus Limburg a. d. Lahn, ein Nachbar der Familie Hammer, für die „Entfernung“ Elsa Hammers stark gemacht. Der äußerst brutale NS-Aktivist stand nicht nur im Rang eines SS-Rottenführers, sondern betätigte sich in der Firma Dornier als ideologisch geschulter „Aufpasser“ und gefährlicher „Gestapo-Spitzel“, der u. a. Zwangsarbeiter misshandelt haben soll. Seine Mitarbeit mit Karl Hammer war alles andere als loyal geprägt, denn Jeuck untergrub dessen Autorität und setzte ihm mit der ständigen Forderung nach einer „Judenbefreiung“ in Fischbach psychisch enorm zu. Für Elsa Hammer war es daher ein großer Schock, als Hubert Jeuck ihren Mann nach einem körperlichen Zusammenbruch in der Dornier-Abteilung wie ein falscher Samariter ins Haus brachte, wo Karl Hammer wenige Tage später, am 21. Juni 1943, an den Folgen seines Schlaganfalls verstarb. Elsa Hammer war damit schutzlos, niemand stand ihr bei, als Hubert Jeuck seine Verbindungen zur Gestapo gegen sie einsetzte. Claude Dornier, Inhaber der Dornier-Werke, soll ihr angeboten haben, sie in die sichere Schweiz zu bringen, was diese jedoch abgelehnt habe. Ob diese Aussage den Tatsachen entspricht, kann wohl nicht mehr belegt werden. Auch die angebliche Fürsprache des Fischbacher Ortsgruppenleiters der NSDAP, Anton Kees, konnte Elsa Hammer nicht mehr retten. Wenige Tage nach dem Tod ihres Mannes wurde sie im September 1943 von der SS aus ihrem Wohnhaus in der Friedrichshafener Straße 38 abgeführt und ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Dort ermordeten sie die Nazis am 24. September 1943 durch Giftgas. Offiziell hieß es, dass sie an Herzversagen gestorben sei.

Die tödliche Hetze gegen Elsa Hammer hatte nach dem Krieg ein, allerdings vergebliches, juristisches Nachspiel: Gegen Hubert Jeuck und den Ingenieur und SA-Mann Dr. Eugen Becker wurde am 22. Mai 1947 Strafanzeige wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ gestellt. Ein Prozess kam jedoch mangels Aussagebereitschaft von Zeugen, guten Leumunds für Hubert Jeuck (dem Kreisuntersuchungsausschuss in Tettnang war Jeuck „nicht weiter bekannt“) und Eugen Becker, sowie wegen unzureichender Aktenlage (wichtige Aktenstücke verschwanden auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft) nicht mehr zustande. Das Verfahren wurde Anfang 1951 eingestellt. Im Jahr 1957 half Hubert Jeuck in Ehringshausen bei Wetzlar den ersten Tennisplatz im Dorf mitzubegründen. Mit Sicherheit gab es zu dieser Zeit keine Tennisspielerinnen und -spieler jüdischer Herkunft mehr im Ort. Die letzten elf Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde wurden 1943 deportiert und umgebracht.

Ausstellung im Stadtarchiv
Zurzeit bis zum 29. Juli 2022 findet im 2. OG des Stadtarchivs, Katharinenstr. 55 (Ecke Keplerstraße) in Zusammenarbeit mit der städtischen Abteilung Integration eine interkulturelle Ausstellung zu Migration und Integration in Friedrichshafen statt: 18 Geschichten, darunter auch die Geschichte von Elsa Hammer, erzählen anhand besonders aussagekräftiger Objekte (z. B. einem historischen Tennisschläger) ihren Weg nach Deutschland und nach Friedrichshafen. Momentan ist von Montag bis Freitag 9 bis 12, 13 bis 17 Uhr (außer Freitagnachmittag), geöffnet. Eine vorherige Anmeldung ( oder 07541 209 150) sowie die 2G-Regel sind Voraussetzung zur Besichtigung der Ausstellung.

Autor: Jürgen Oellers, Leitung Stadtarchiv mit Bodenseebibliothek